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Do, 7. Juli 2022, 13:29 Uhr

So tickt die Börse: Geopolitik unter Spannung


22.03.22 12:21
Stephan Heibel

So tickt
        die Börse - Geopolitik unter Spannung





Hoffnung auf eine baldige Lösung für den Ukraine-Krieg hat letzte Woche bestimmt. Putin spricht von einem wirtschaftlichen Blitzkrieg gegen sein Land, sein Angriffskrieg hat den schnellen Sieg nicht herbeiführen können. An den Aktienmärkten führten diese Entwicklungen zu steigenden Kursen.


Ich gehe näher auf die vier Schwerpunktthemen der vergangenen Monate ein: Russland/Ukraine, China/Taiwan, Corona/Omikron und Inflation/Notenbanken. Die Situation ist sehr ungewiss. Sowohl positive als auch negative Überraschungen sind jederzeit möglich. Vorsicht ist weiterhin ratsam.


Es bleibt bei den vier großen Themen, die seit Monaten das Börsengeschehen dominieren.


RUSSLAND / UKRAINE

Es gibt Hoffnung! Was zunächst niemand für möglich hielt, wird durch immer neue Berichte belegt: Der Widerstand in der Ukraine gegen den übermächtigen Gegner Russland verzeichnet immer wieder Erfolge, die den russischen Vormarsch verlangsamen oder gar aufhalten. Die Hoffnung auf Friedensverhandlungen zwischen Putin und Selenskyj erhielten jedoch heute wieder einen Dämpfer: Bei der Ausarbeitung von 15 Punkten als Vorbereitung für ein solches Gespräch gebe es, so Putin, bislang keine Fortschritte.

Ich möchte gerne auf eine schnelle Lösung im Ukraine-Krieg hoffen, doch die Geschichte der russischen Aggressionen lässt einen längeren Krieg fürchten. Das Stehvermögen der russischen Armee ist groß. Vielleicht ist das der Ukraine noch größer. Ich habe den Eindruck, dass Putin in diesem Fall auf die Hilfe eines Freundes angewiesen sein könnte:


CHINA / TAIWAN

Dieser Freund könnte Präsident Xi sein. China hat sich noch immer nicht von Russlands Krieg distanziert, sondern beobachtet mit großem Interesse, was sich in der Ukraine abspielt. Daraus werden Rückschlüsse auf mögliche Aktionen bezüglich Taiwan gezogen. Doch heute wird US-Präsident Biden mit Chinas Präsident Xi telefonieren und ihn drängen, Russlands Überfall der Ukraine zu verurteilen.

Bislang ist China der lachende Dritte: Als vermeintlich neutraler Staat nimmt man gerne die Rohstoffe Russlands, die der Westen aufgrund der Sanktionen ablehnt. Der Rohstoffhunger Chinas ist groß, der Verzicht des Westens auf Russlands Rohstoffe ist ein Glücksfall für China. Auch als Absatzland wäre Russland attraktiv für China, liegt es doch deutlich näher als der Westen. Gerne würde man sogar Waffen zur Unterstützung nach Russland senden, doch hier hat der Westen eine rote Linie gezogen: Putin ist der Aggressor und wer ihn unterstützt, wird dadurch automatisch ebenfalls zum Feind des Westens.

China ist das Zünglein an der Waage: Schlägt es sich auf die Seite Russlands, so kann auch China mit heftigen Sanktionen des Westens rechnen. Schlägt es sich auf die Seite des Westens, verliert China einen verlässlichen Partner (Russland) zugunsten eines unzuverlässigen Widersachers (USA).

Dabei könnte China Hilfe aus dem Westen gut gebrauchen. Der chinesische Corona-Impfstoff hat sich als wenig wirksam erwiesen. Die No-Covid-Strategie führte in den vergangenen Wochen dazu, dass eine Reihe von Millionenstädten in Shenzen, der größten Wirtschaftsmetropole des Landes, in den Lockdown geschickt wurden. Insbesondere die Hightech Branche (ja, auch Chipindustrie) ist in dieser Region stark vertreten. Es drohen also erneut globale Lieferkettenprobleme.

JP Morgan hat Anfang der Woche bereits eine Entscheidung getroffen: Chinesische Aktien wurden von einer Kauf-Empfehlung auf Verkaufen abgestuft. Das Kursziel für Alibaba wurde von 180 auf 65 USD gesenkt, für Baidu von 245 auf 90 USD, für JD.com von 100 auf 35 USD. Nur einen Tag später kamen noch regulatorische Tiefschläge hinzu: Einige chinesische Aktien, die als ADRs in den USA gelistet seien, würden die Zulassungsvoraussetzungen nicht erfüllen. Es drohe das Delisting, also die Streichung der Notiz von den US-Börsen.

Die entsprechenden chinesischen Aktien kannten kein Halten mehr und zogen den gesamten chinesischen Aktienmarkt mit in den Keller. Der Ausverkauf war so heftig, dass sich die chinesische Regierung gezwungen sah zu reagieren. Am Mittwoch gab man bekannt, die Verschärfung der Vorschriften für chinesische Tech-Unternehmen nicht mehr weiter fortzusetzen. Vielmehr werde man chinesische Tech-Unternehmen ab sofort unterstützen. Präsident Xi persönlich äußerte sich ebenfalls. Er lenkte ein, künftig bei der Bekämpfung von Corona-Ausbrüchen auch die Kosten im Blick zu haben.

Am Mittwoch sprangen chinesische Aktien zweistellig an, Alibaba legte 44% zu. An einem Tag! Mich erreichen nun Fragen, ob chinesische Aktien günstig genug für ein Investment seien, ob das ein Zeichen für einen Boden sei.

Für mich zeigen die Vorgänge, dass wir viel zu weit weg von China sind, um uns eine Meinung über den Kursverlauf der chinesischen Aktien für die kommenden Wochen zu erlauben: Nicht einmal für die kommenden Stunden traue ich mir eine Prognose zu, geschweige denn für Monate. Wer Zocken möchte, viel Glück! Aber aus Sicht eines Investors, der seinen Spargroschen gewinnbringend anlegen möchte, ist China derzeit kein Ort für ein Investment. Insbesondere vor dem Hintergrund der ungewissen Positionierung Chinas im Ukraine-Krieg würde ich derzeit die Finger von China lassen.


CORONA / OMIKRON

Wir verzeichnen die höchsten Infektionszahlen in Deutschland, doch es handelt sich um die inzwischen als harmlos betrachtete Omikron-Variante, die kaum zu schweren Krankheitsverläufen führt. Zumindest sind die Krankenhäuser trotz der hohen Infektionszahlen nicht ausgelastet.

Es bleibt die Angst vor einer neuen Variante, die vielleicht wieder gefährlicher ist als die Omikron-Variante. Doch derzeit gibt es keine Hinweise auf eine entsprechende Verschlimmerung der Situation. Im Gegenteil, Coronamaßnahmen werden gelockert und der auslaufende Winter lässt viele Menschen auf einen (in Sachen Corona) unbeschwerten Sommer hoffen.


INFLATION / NOTENBANKEN

Der Ukraine-Krieg liefert den Notenbanken nun eine Ausrede, den Begriff "transitory" (vorübergehend) zu streichen. Der Inflationsdruck war nicht durch die auslaufenden Corona-Maßnahmen und die Lieferengpässe vorübergehend, sondern stellt sich mehr und mehr als "persistent" (nachhaltig) heraus.

So hat die US-Notenbank diese Woche erstmals den US-Leitzins um einen Schritt angehoben (von 0% bis 0,25% auf 0,25% bis 0,5%). Für das laufende Jahr gehen Volkswirte derzeit von sieben weiteren Zinsschritten aus. US-Notenbankchef Jay Powell hält sich alle Optionen offen, er werde stets nach aktueller Datenlage entscheiden.

Das ist eine erfrischende Verbesserung gegenüber seinem letzten Versuch, die Geldpolitik zu normalisieren. Vor vier Jahren kündigte er eine Serie von Zinsschritten an, was die Finanzmärkte in Angst und Schrecken versetzte und zu einem Crash führte.

Das Zinsniveau in den USA ist in den vergangenen Tagen angestiegen. So auch der Ölpreis. Die Bedenken, die an den Finanzmärkten aufgrund dieser Entwicklung bestehen, werden in den Chefetagen der Unternehmen nicht geteilt: Wenn die Notenbank das Zinsniveau anhebt, um die Inflation zu bekämpfen, dann wird das irgendwann auch den Preisanstieg an den Rohstoffmärkten stoppen. Und das ist die größte Sorge der Unternehmen: Einkaufspreise für Rohstoffe, später dann auch die Personalkosten, können nicht immer an die Kunden durchgereicht werden. Ein Notenbankchef, der mit höheren Zinsen der Inflation entschieden entgegen tritt, ist gut für die Wirtschaft.


Am Freitag werde ich in meinem Heibel-Ticker wie gewohnt ein Update geben.




Investoren Sentiment: Verunsicherung schwindet mit steigenden Kursen

Das Anlegersentiment hat sich beruhigt, die Panik der Vorwochen hat sich vor dem Hintergrund der jüngsten Hoffnung zurück entwickelt. Ich interpretiere, was diese Stimmungslage für die Aktienmarktentwicklung Tage aussagt.


Die Sentimentindikatoren sind noch weit entfernt von einer Überhitzung. Wir haben in der vergangenen Woche zwar eine ordentliche Erholungsbewegung gesehen, doch damit ist die Panik der Vorwochen noch nicht abgebaut. Weiterhin gibt es noch Luft nach oben.

Doch das Stimmungsbild ist nicht mehr so extrem wie noch vor 10 Tagen. Damit steigt nun auch wieder die Gefahr, dass schlechte Meldungen von den Anlegern auch wieder negativ aufgenommen werden. Für eine Fortsetzung der Erholungsbewegung werden zunehmend positive Meldungen benötigt.

Die Investitionsbereitschaft ist vorhanden, aber die Cashquote ist nicht mehr so hoch wie noch vor ein oder zwei Wochen.

Wir befinden uns in einem stark Nachrichten getriebenen Marktumfeld, in dem stets die nächste Meldung den Markt drehen kann. Es bleibt also weiterhin ratsam, ein wenig Cash in der Hinterhand zu haben, während sich einige stark zurückgekommenen Aktien bereits ins Depot holen lassen.

Am Goldmarkt ist weiterhin die Stimmung der Anleger in Partylaune, während gleichzeitig die Zukunftserwartung am Boden ist. Das ist kein guter Ausgangspunkt für weitere Kurssteigerungen, im Gegenteil. Der Goldpreis hat an der 2.000er-Marke gekratzt (2.000 USD/Oz) und könnte seinen Lauf von 1.800 auf 2.000 nun erst einmal "konsolidieren". Das heißt, ein Rücksetzer in Richtung 1.900 ist nicht unwahrscheinlich. Im besten Fall läuft der Kurs vorerst seitwärts. Für einen weiteren Preisanstieg würde ein überraschend positives Ereignis benötigt.

Für den Ölpreis sieht es ähnlich, wenngleich nicht ganz so dramatisch aus. Auch am Ölmarkt herrscht Partylaune, während gleichzeitig der Zukunftsoptimismus am Boden ist. Wir wissen aus der Vergangenheit: Eine Party, also steigende Kurse, kann länger andauern, als man das für möglich hält. Ich würde daher nicht auf fallende Kurse spekulieren. Doch um auf steigende Ölnotierungen zu setzen, dazu ist es inzwischen zu spät.


Details zu den einzelnen Ergebnissen der aktuellen Analyse sowie kommende Analysen finden Sie auf der Heibel-Ticker Webseite.





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