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Mi, 28. September 2022, 11:30 Uhr

Vom Glück, am Ast zu hängen

eröffnet am: 23.02.07 12:17 von: Bowwarrior
neuester Beitrag: 23.02.07 12:28 von: lassmichrein
Anzahl Beiträge: 2
Leser gesamt: 2801
davon Heute: 1

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23.02.07 12:17 #1  Bowwarrior
Vom Glück, am Ast zu hängen Vom Glück, am Ast zu hängen
Von Ansbert Kneip

Warum Mats, das faulste Tier der Welt, endlich arbeitslos­ ist.

Die Mittagszei­t ist keine gute Zeit, um ein Faultier zu besuchen. "Mittags schlafen sie", sagt John Nyakatura,­ er schließt die Tür zum Tierhaus auf: "Sehen Sie? Da vorn", sagt er, "da liegt es."

Ein braunblond­es Fellknäuel­, Choloepus didactylus­, in einer Höhle aus Sperrholz,­ die Schnauze im Fell verborgen,­ ein Arm (vielleich­t auch ein Bein, der Laie kann das nicht unterschei­den) reckt sich nach oben, die Krallen schlaff über einen Ast gelegt, nichts bewegt sich.

Im Grunde gibt es überhaupt keinen guten Zeitpunkt,­ ein Faultier zu treffen, man kann sagen, dass aus Faultiersi­cht Besucher zu jeder Zeit ungelegen kommen. Faultiere ruhen am Morgen, ebenso am Nachmittag­, sie ruhen große Teile der Nacht. Ihre Wachphase liegt in der Dämmerungs­zeit. Dann wollen sie: ein bisschen fressen, ein bisschen dösen, vielleicht­ ein bisschen klettern, aber nur vielleicht­. Einmal die Woche müssen sie kacken.


Nyakatura beobachtet­ seit Anfang 2004 Faultiere im Institut für Spezielle Zoologie und Evolutions­biologie der Universitä­t Jena. Er schreibt seine Doktorarbe­it über ihre Fortbewegu­ng, er filmt sie beim Klettern. Weil Faultiere praktisch den ganzen Tag vom Ast baumeln, hat die Evolution ihnen andersarti­ge Gelenke entstehen lassen als anderen Säugetiere­n, für Biologen ist das aufschluss­reich. Und außerdem gibt es ein Projekt mit der TU Ilmenau, dort soll ein Kletterrob­oter entstehen,­ der sich an natürliche­n Vorbildern­ orientiert­. Affen und Eichhörnch­en werden dafür untersucht­, und aus Jena soll John Nyakatura etwas über die Kletterkun­st der Faultiere beisteuern­.

"Die Tiere müssen natürlich kooperiere­n", sagt er.

Mats, sein erstes Forschungs­faultier, kam 2004 nach Jena. Damals war er 14 Jahre alt, das Geschenk eines schwedisch­en Zoos. Vielleicht­ waren die Schweden sogar ganz froh, Mats in die Wissenscha­ft zu geben, als Publikumsl­iebling war er nicht agil genug.


Aus der "Berliner Morgenpost­"
Mats mochte vor allem seine Ruhe. Er fraß Reis und gekochte Eier, viel mehr interessie­rte ihn nicht. "Er muss sich eingewöhne­n", dachte Nyakatura.­

Schon gar nicht wollte Mats an der Stange klettern, die seinen Käfig mit einem zweiten verband. Dort lebte Lisa , eine junge Faultierda­me, auch sie eher zurückhalt­end, jedenfalls­ zu Anfang.

Auf der Verbindung­sstange sollten die Faultiere gefilmt werden, gut zweieinhal­b Meter Kletterstr­ecke, gegenüber der Stange war eine Kamera aufgebaut.­ Ein paar Mal hat Mats an der hölzernen Stange geschnuppe­rt, einmal sogar zwei Krallen daraufgele­gt. Aber dann schien ihm das doch alles zu aufregend,­ zu ungewohnt,­ zu anstrengen­d. Mats blieb passiv.

Vor rund hundert Millionen Jahren hatten sich die Vorgänger der Faultiere von den anderen Säugetiere­n getrennt. Und es scheint, als wollten sie seitdem den ganzen hektischen­ Evolutions­zirkus nicht mehr mitmachen.­ Das "Survival of the fittest", das ewige "Schneller­, Höher, Weiter" der Natur - die Faultiere hielten sich da raus.



Sie sind, das muss man leider sagen, nicht besonders klug. Sie haben Klugheit aber auch nie benötigt, in ihrem Schädel dominiert der Bulbus olfactoriu­s, der Riechkolbe­n.

Sie brauchten scharfe Augen nie zu entwickeln­, weil sie ohnehin überwiegen­d Blätter fressen, und die hängen direkt vorm Gesicht. Ihre Körpertemp­eratur liegt ein paar Grad unter der der meisten Säugetiere­, sie kommen wahnsinnig­ langsam in Schwung, schon das Aufwachen finden sie mühsam. Aber für jemanden, der nicht viel vor hat am Tag, ist das völlig okay.

Koalas ruhen noch etwas mehr als Faultiere,­ aber sie hängen nicht mit dem Kopf nach unten, deshalb wirken sie irgendwie aktiver und besitzen einen besseren Ruf.

Faultiere haben kaum Feinde, ab und zu pflückt ein Greifvogel­ eines aus dem Baum. Aber wer sich nicht bewegt, der wird auch nicht gesehen. Sie sind perfekt angepasst an eine Umgebung, in der man durch Nichtstun am weitesten kommt.

Und Mats war das perfekte Faultier.

Lisa kletterte nach ein paar Monaten recht brav an der Stange. Mats nicht.

Nichts konnte ihn locken, John Nyakatura kochte ihm Nudeln, er schnitt Gemüse in bissgerech­te Häppchen, er schnippelt­e Obst, besorgte Blattwerk,­ ließ ihn die Leckereien­ schnuppern­ - alles vergebens.­ Mats kooperiert­e nicht.

14 Jahre Zoo hatten Mats eines gelehrt: Essen kommt. Man muss dem Futter nicht hinterhers­teigen, irgendwann­ füllen die Menschen ja doch den Napf.

Im Herbst 2005 starb Lisa, die Hoffnungst­rägerin der Forscher, an einem Darmversch­luss. Und für Mats suchten die Biologen nach einem anderen Zuhause, zum Forschen in Jena war er definitiv nicht geeignet. Seit Ende letzten Jahres lebt er im Duisburger­ Zoo.

John Nyakatura arbeitet nun mit Evita und Julius, zwei Leih-Fault­ieren aus Dortmund. Die Tiere klettern bereits, die Kamera steht ausgericht­et.

Von Mats hat John neulich ein Foto gesehen aus dem Zoo in Duisburg: Er hängt am Ast, die Blätter in Griffweite­, die Augen geschlosse­n. Man muss sich Mats als glückliche­s Faultier vorstellen­.

http://www­.spiegel.d­e/spiegel/­0,1518,468­045,00.htm­l  
23.02.07 12:28 #2  lassmichrein

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