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ETH/EUR (Ethereum / Euro)

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Ist Ether Geld?


11.11.22 10:40
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.aktiencheck.de) - Bitcoin wurde 2009 mit dem Anspruch eingeführt, eine Alternative zum staatlichen Geld zu sein, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank.

Bei Ether, der nativen Währung auf der Ethereum-Blockchain, sei dieser Anspruch nie in dieser Weise erhoben worden. Jedoch sei Ether heute die Kryptowährung, die Zentralbankwährungen in Zukunft am ehesten Konkurrenz machen könnte. Diese These dürfte bei eingefleischten Bitcoinanhängern für Entrüstung sorgen, die teilweise die Meinung vertreten würden, nur Bitcoin sei Geld und deren Argumentation sich kurz gefasst so skizzieren lasse: Die Staaten würden seit eh und je inflationär viel Geld drucken, während Bitcoin die härteste Währung der Welt sei, da sie aufgrund des nicht manipulierbaren Softwarecodes auf 21 Millionen Bitcoin begrenzt sein werde und durch ihren maximalen Grad an Dezentralität vor politischer Einflussnahme geschützt sei. Ether dagegen - so das Credo vieler Bitcoiner - sei viel zentralisierter und dadurch manipulierbar.

Abgesehen davon, dass die hier aufgestellten Behauptungen zu diskutieren wären, sei das Problem mit dieser Sicht, dass sie die gestellte Frage, ob Ether oder Bitcoin Geld darstellen würden, nicht beantworte. Um das zu klären, sollte vielmehr die geläufige Definition von Geld herangezogen werden. Sie besage, dass Geld drei Funktionen erfüllen müsse, um als Solches zu gelten: die Funktion als Zahlungsmittel, als Recheneinheit und als Wertaufbewahrungsmittel. Ether als Zahlungsmittel? Durchgefallen werde diese Kryptowährung doch so gut wie gar nicht in den normalen Zahlungen des Alltags eingesetzt, was für Bitcoin ebenfalls gelte. Das sei jedoch zu kurz gegriffen. Denn Ether werde sehr wohl als Zahlungsmittel benötigt, um bestimmte digitalisierte Dienste auf der Ethereum-Blockchain - codifiziert als Smart Contracts - anzubieten und zu erwerben, die in Zukunft zunehmend Eingang in unseren Alltag finden dürften. Schon heute könnten beispielsweise Kryptowährungen auf der Kryptobörse Uniswap nur gehandelt werden, wenn man die entsprechenden Transaktionsgebühren in Ether entrichte. Ohne Ether könne diese Dienstleistung schlicht nicht in Anspruch genommen werden.

Abgesehen von zahlreichen Geschäftsmodelle aus dem Decentralized Finance-Bereich (z.B. Kreditgeber und Vermögensverwalter) sei auch die Tokenisierung von Vermögenswerten - also die blockchainbasierte Aufteilung von Vermögenswerten in viele kleine digitale Einheiten - zu betonen, die zum größten Teil auf der Ethereum-Blockchain geschehe. Ethereum werde auch genutzt, um manipulationssichere Datenbanken zur Dokumentation von Kundendaten oder der Herkunft von Vorleistungen bei komplexen Lieferketten aufzubauen. Möchte man all diese Dienstleistungen verwenden, müssten Ether eingesetzt werden. Mit anderen Worten: Es gebe bereits ein globales Ökosystem, in dem bestimmte Dienstleistungen nur mit Ether bezahlt werden könnten. Auch auf der Bitcoin-Blockchain könnten Smart Contracts installiert werden, aber die Ethereum-Blockchain habe in dieser Beziehung einen vermutlich nicht mehr einholbaren Vorsprung.

Diesen Vorsprung dürfte die Ethereum-Blockchain am 15. September diesen Jahres erneut deutlich ausgebaut haben. Denn an diesem Tag sei es gelungen, das extrem energieintensive Verfahren, mit dem bislang sämtliche Bewegungen auf der Blockchain digital überprüft und dokumentiert worden seien, grundlegend zu reformieren, so dass dafür heute nur noch ein Bruchteil der Rechenleistung eingesetzt werden müsse. Dass dieser hochgradig komplexe Schritt gelungen sei, spreche für die These, dass es die Ethereum-Entwicklercommunity in den kommenden zwei oder drei Jahren auch schaffen werde, den Transaktionsdurchsatz pro Sekunde zu vervielfachen und die Kosten pro Transaktion auf ein Minimum zu reduzieren.

Blockchainbasierte Geschäftsmodelle würden dann wahrscheinlich einen regelrechten Schub erfahren und einen breiteren Raum in unserem Alltag einnehmen. Damit aber werde Ether als Währung eine immer wichtiger werdende Rolle einnehmen. Angesichts dieser Dynamik dürften dann auch Firmen aus traditionellen Sektoren wie etwa Lebensmitteleinzelhandel beginnen, Ether als Zahlungsmittel zu akzeptieren.

Damit nehme die Wahrscheinlichkeit zu, dass Ether auch die zweite Funktion des Geldes, die Funktion der Recheneinheit erfüllen werde. Schon heute würden beispielsweise die Preise auf der Tokenisierungsplattform Opensea, einem Marktplatz für digitale Sammlerstücke, standardmäßig in Ether ausgezeichnet, da die Sammlerstücke, bekannt als Non Fungible Tokens, auch in dieser Währung erworben würden. Bekanntermaßen sei es ein zäher Prozess, bis Menschen in einer neuen Geldeinheit denken würden. Auch Jahre nach der Umstellung der DM auf den Euro hättem viele Personen immer noch in DM gerechnet.

Mit Ether könnte es zu einer besonderen Situation eines Parallelwährungssystems kommen. Bekannt sei dieses Phänomen in einem komplett anderen Zusammenhang, wo eine Fremdwährung wie der US-Dollar und die heimische Währung in einem Land parallel existieren würden, weil der heimischen Währung infolge häufiger Inflationserfahrung und/oder Bankenkrisen misstraut werde. Argentinien sei ein solches Beispiel. Im Fall von Ether wäre das anders. Hier gehe es nicht um eine Negativerfahrung mit der staatlichen Währung, sondern um die Erfahrung, dass in der Folge einer technologischen Neuerung bestimmte Leistungen nur mit Ether erworben werden könnten.

Unter diesen Umständen werde Ether quasi automatisch als Wertaufbewahrungsmittel an Bedeutung gewinnen, der dritten Definitionseigenschaft von Geld. Denn je mehr Dienstleistungen eine Person mit Ether erwerben könne, desto eher lohne es sich heute Ether zu sparen, um eben in Zukunft diese Dienstleistungen zu konsumieren.

Euro, US-Dollar und andere staatliche Währungen würden parallel zu Ether existieren und nicht vollständig verdrängt. Warum eigentlich? Die Staaten hätten als Gesetzgeber ein mächtiges Werkzeug in der Hand, um sicherzustellen, dass eine Basisnachfrage nach ihrer Währung fortbestehe: Dies sei die übliche gesetzliche Vorgabe, dass Steuern in der staatlichen Währung gezahlt werden müssten. Kaum ein Staat werde freiwillig darauf verzichten, da eine eigene Währung sicherstelle, dass eine Regierung souverän über ihre Ausgabenpolitik verfügen könne.

Im Ergebnis werde der Anteil der staatlichen Währungen an den Gesamttransaktionen zwar bedeutend bleiben, aber sinken, und Ether sollte spiegelbildlich an Gewicht gewinnen. Die Antwort auf die Frage "Ist Ether Geld?" lautet daher: noch nicht, aber vermutlich sehr bald, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. (Ausgabe vom 10.11.2022) (11.11.2022/ac/a/m)




 
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