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Fr, 9. Dezember 2022, 16:27 Uhr

Globale Wirtschaft: Die Dynamik sollte spätestens ab dem zweiten Quartal 2023 wieder zulegen


19.08.22 13:42
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.aktiencheck.de) - Derzeit bremsen die vielerorts massiven Hitzewellen, der Wassermangel und weitere Extremwetterereignisse die Wirtschaft zusätzlich, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.

So leide der Nordwesten Chinas unter Überschwemmungen, während in anderen Landesteilen aufgrund der anhaltenden Dürre die Nahrungsmittelpreise steigen würden und Energie, beispielsweise aus Wasserkraft, knapp werde. In Europa würden zu niedrige Pegelstände in vielen Flüssen zu erheblichen Behinderungen in der Flussschifffahrt führen - allen voran auf dem Rhein. Die erneut resultierenden Unterbrechungen von Lieferketten, v.a. für Schüttgüter wie beispielsweise Kohle, würden die Industrieproduktion zusätzlich stocken lassen und würden den Energiepreisanstieg verschärfen. In Frankreich müsse zudem die Produktion von Kernkraftwerken gedrosselt werden, da die Einleitung von Kühlwasser begrenzt worden sei, um eine zu starke Aufwärmung des verbliebenen Flusswassers zu verhindern.

Damit zeichne sich für das laufende dritte Quartal eine weiterhin schwache globale Wachstumsdynamik ab. Angesichts steigender Neufallzahlen in China steige auch die Sorge vor erneuten Corona-Restriktionen. Gleichzeitig würden allerdings fiskal- und geldpolitische Lockerungen zugelassen, um die Volkswirtschaft zu unterstützen. Zumindest nehme auch die Abfertigung von Containerschiffen in Shanghai langsam wieder Fahrt auf und lasse auf eine zögerliche wirtschaftliche Belebung in den kommenden Monaten hoffen.

In Europa sei nach dem Ende der Tourismussaison mit einem erneut schwächeren Wachstum zu rechnen. Neben negativen Auswirkungen stockender Lieferketten auf die Industrie würden zunehmend stark steigende Lebenshaltungskosten auch den Konsum belasten. Hinzu komme die anhaltende Unsicherheit aufgrund des Ukrainekriegs und durch drohende Energierationierungen im Winter. Eine Rezession im Winterhalbjahr werde damit immer wahrscheinlicher. Trotzdem werde erwartet, dass die EZB Anfang September die Leitzinsen um weitere 0,5 Prozentpunkte anheben werde, um der steigenden Inflation entgegenzuwirken. In den USA hingegen scheine die Spitze bereits überschritten zu sein, sodass die FED einen Zinsschritt von 0,5 anstatt 0,75 Prozentpunkten ankündigen könnte. Trotzdem sei im Jahresverlauf von weiteren Leitzinsanhebungen auszugehen, sodass die US-Konjunktur vorerst weiter gebremst werde.

Eine Sondersituation sei aktuell in Großbritannien gegeben. Während politisch nach dem angekündigten Abtritt Boris Johnsons und der noch nicht geregelten Nachfolge ein Machtvakuum herrsche, seien die Verbraucherpreise zuletzt um mehr als 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen. Neben explodierenden Energiepreisen (insbesondere für Gas) würden auch eine ausgeprägte Knappheit an Arbeitskräften sowie ein fehlendes Güterangebot als Spätfolge des Brexit für deutlich steigende Preise sorgen. Die Bank of England habe nach ihrer letzten Leitzinsanhebung auf 1,75 Prozent angekündigt, dass sie von einer lang anhaltenden Rezession in den kommenden Monaten ausgehe. Darauf habe Liz Truss, eine mögliche Nachfolgerin Johnsons als Vorsitzende der konservativen Partei, eine Diskussion über eine Eingrenzung der Unabhängigkeit der Notenbank entfacht. Die wirtschaftlichen Perspektiven dürften in Großbritannien damit vorerst unsicher bleiben.

Spätestens ab dem zweiten Quartal 2023 sollte die wirtschaftliche Dynamik global wieder zulegen - in den USA und in China voraussichtlich schon früher. Sich bessernde Lieferkettenprobleme, die Aussicht auf mögliche Zinssenkungen der FED sowie eine nachlassende Energieknappheit in Europa gegen Ende des Winters sollten zumindest der Industrie erlauben, einen Teil des nach wie vor hohen Auftragsbestands abzubauen. Anzunehmen sei, dass auch in anderen Regionen die Inflationsspitzen im Winterhalbjahr erreicht würden und weltweit einige Notenbanken einen weniger restriktiven Kurs umsetzen würden. Entsprechend würden sich auch die seit der Coronakrise gedämpften wirtschaftlichen Perspektiven vieler Schwellenländer wieder aufhellen.

Für Anleger bestünden damit kurzfristig weiterhin erhöhte Risiken. Allerdings könnten sich die derzeit bestehenden Problemfelder schneller als erwartet auflösen - so zum Beispiel durch fallende US-Inflationsraten, eine wirtschaftliche Belebung in China oder einen außergewöhnlich milden Winter in Europa und damit einer Relativierung der Energieknappheit. Sollte sich ein globaler Aufschwung im Laufe des ersten Halbjahres 2023 abzeichnen, dürfte dieser an den Aktienmärkten früh eingepreist werden. Die Analysten der DONNER & REUSCHEL AG würden daher optimistisch mit Blick auf das Jahresende 2022 bleiben und ab Herbst wieder steigende Notierungen erwarten. Bis dahin seien kurzfristig niedrigere Notierungen beispielsweise durch Gewinnwarnungen von Unternehmen aufgrund sinkender Margen oder im Falle einer weiteren Drosselung russischer Gaslieferungen nach Europa nicht unwahrscheinlich. (19.08.2022/ac/a/m)





 
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