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Sa, 10. Dezember 2022, 0:50 Uhr

Energiekrise stürzt Europa in den Abgrund


25.08.22 16:25
XTB

Frankfurt (www.aktiencheck.de) - Massiver Anstieg der Erdgas- und Strompreise ist kein gutes Omen für die europäische Wirtschaft, so Maximilian Wienke, CFTe, Marktanalyst bei XTB.

Es sei so gut wie sicher, dass Europa auf die größte Energiekrise der Geschichte zusteuere. Die europäischen Länder hätten sich von Energieimporten aus Nicht-EU-Ländern, insbesondere Russland, abhängig gemacht und die Diversifizierung der Versorgung und ihre eigenen Produktionskapazitäten vernachlässigt. Billiges Gas habe die europäische Wirtschaft wettbewerbsfähiger gemacht und die Einleitung der Energiewende ermöglicht. Jetzt werde allerdings immer deutlicher, dass die alternativen Energiequellen nicht in der Lage sein würden, die Defizite bei der Stromerzeugung aus traditionelleren Quellen auszugleichen. Embargos und "Strafen" für die Nutzung emissionsintensiver Energiequellen würden die europäische Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen und könnten Europa in eine tiefe Rezession stürzen.

Erdgas sei über Jahre hinweg ein sehr billiger Energierohstoff für Europa gewesen, da es hauptsächlich aus Russland importiert worden sei. Trotz anderweitiger Liefervereinbarungen, beispielsweise mit den Vereinigten Staaten, habe Europa auf das vergleichsweise günstige Gas aus Russland bestanden. Die Verringerung der russischen Gasexporte nach Europa auf nur noch 20% des Vorkriegsniveaus und die Gefahr eines völligen Lieferstopps würden daher zu gigantischen Preissteigerungen führen. Vor der Covid-Pandemie hätten die Erdgaspreise unter 30 Euro/MWh gelegen, jetzt seien sie etwa zehnmal so hoch.

Die europäischen Erdgasvorräte seien zu fast 80% gefüllt. Das bedeute, dass sie mehr gefüllt seien als zu jedem anderen Zeitpunkt im Jahr 2021. Warum seien die Märkte also so besorgt über das Angebot und warum seien die Preise so hoch? Die derzeitigen Lagerbestände würden für zwei Monate Verbrauch reichen, wenn man von einem vollständigen Lieferstopp ausgehe. Wenn diese Vorräte jetzt aufgebraucht würden, würden die Unternehmen im Sommer 2023 kein Gas mehr haben und der Winter 2023 werde viel schlimmer sein als der kommende Winter.

Die Wettbewerbsfähigkeit Europas sei durch einen massiven Anstieg der Preise für Energierohstoffe beeinträchtigt worden. Die Energiepreise für sofortige Lieferung und für ein Jahr im Voraus seien im Jahresvergleich um ein Vielfaches gestiegen. Die Terms of Trade für den Euro und andere europäische Währungen seien so schlecht wie nie zuvor. Ein starker Anstieg der Importpreise im Vergleich zu den Exportpreisen sei ein inflationäres Szenario, das zu einer schnelleren Anhebung der Zinssätze führen und sich somit negativ auf die Wirtschaftstätigkeit auswirken könnte.

Einige Sektoren der europäischen Wirtschaft könnten davon stärker betroffen sein als andere. Natürlich würden Energieunternehmen am meisten Erdgas verbrauchen, aber auch Chemieunternehmen, Raffinerien oder Papierfabriken seien Großverbraucher. Es sei nicht auszuschließen, dass die Unternehmen als Reaktion auf die himmelhohen Gaspreise die Produktion drosseln oder sogar ganz einstellen würden.

Erdgas war und ist ein bevorzugter Energieträger in der Europäischen Union auf ihrem Weg zur vollständigen Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen, so die Experten von XTB. Allerdings sei die Stromerzeugung aus Kohle- oder sogar Kernkraftwerken bei den derzeitigen Erdgaspreisen billiger. Das Problem dabei sei die Zurückhaltung bei der Wiederinbetriebnahme von Kohlekraftwerken. Es gebe jedoch einige Veränderungen an dieser Front - Deutschland habe beschlossen, Braunkohlekraftwerke wieder in Betrieb zu nehmen, während Schweden damit begonnen habe, Energie durch Ölverbrennung zu erzeugen. Das könnte jedoch nicht ausreichen, um Versorgungsprobleme zu vermeiden, selbst wenn die Pläne zur vorübergehenden Aussetzung des Emissionshandels umgesetzt würden.

Die Vereinigten Staaten seien sicher, wenn es um Energie gehe. Das Land nutze nicht nur seine eigenen Ressourcen, sondern sei auch ein Nettoexporteur von Energierohstoffen. Die europäischen Gaspreise seien mehr als achtmal so hoch wie in den Vereinigten Staaten, die Strompreise seien vier- bis sechsmal so hoch. Theoretisch gebe es einen großen wirtschaftlichen Anreiz, die Ausfuhren nach Europa zu steigern. Allerdings sei die Infrastruktur ein Problem. Sollte Europa an seinen Plänen festhalten, Russland zu isolieren, und beschließen, das Emissionshandelssystem beizubehalten, könnte die Nachfrage nach US-Erdgas weiter steigen.

Die US-Erdgasvorräte seien im Vergleich zum 5-Jahres-Durchschnitt relativ niedrig. Betrachte man jedoch die letzten zehn Jahre, so sei die Situation gar nicht so schlecht. Dennoch sollten wir nicht mit einem Rückgang der Inlandsnachfrage rechnen und die Auslandsnachfrage wird weiterhin zunehmen, so die Experten von XTB. Davon abgesehen könne man davon ausgehen, dass die Zeit der niedrigen Erdgaspreise vorbei sei.

Die Pandemie habe gezeigt, dass die Nachfrage nach bestimmten Produkten kurzfristig stark reduziert werden könne, wenn die Umstände dies erfordern würden. Die Ölnachfrage sei aufgrund der Pandemie um bis zu 25% zurückgegangen. Die Verbraucher sollten keine Angst vor fehlender Wärme haben, aber bereit sein, höhere Preise zu zahlen. Andererseits werde allein die Bereitschaft, den Gasverbrauch zu senken, die Nachfrage verringern. Es gebe keinen Mangel an Rohstoffen in der Welt, aber es sei unwahrscheinlich, dass sich die Situation vor dem Winter verbessern werde, da in den letzten Jahren nicht ausreichend investiert worden sei. Es bestehe jedoch die Chance, dass gemeinsame Maßnahmen der europäischen Länder und ein ausgewogenerer Verbrauch dazu beitragen würden, die Situation in den kommenden Jahren zu verbessern.

Bitte beachten Sie auch Informationen zur Offenlegungspflicht bei Interessenskonflikten im Sinne der Richtlinie 2014/57/EU und entsprechender Verordnungen der EU unter folgendem Link. (25.08.2022/ac/a/m)





 
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