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Fr, 3. Februar 2023, 4:48 Uhr

Diese Möglichkeit sollten Anleger nicht aus dem Blick verlieren


20.05.22 11:22
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.aktiencheck.de) - Der aktuelle Auftragsbestand deutscher Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe lastet die Produktion für etwa viereinhalb Monate aus - ein Rekordstand, der seit 1969 noch nie erreicht wurde, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.

Einige Branchen, wie die Automobilindustrie oder der Maschinenbau seien mit den vorliegenden Aufträgen sogar mehr als ein halbes Jahr ausgelastet.

Trotzdem bleibe die Unternehmensstimmung vorerst gedämpft, denn die sich wieder verschärfenden Lieferkettenprobleme würden kein Hochfahren der Produktion erlauben. Im Zuge der jüngsten Quartalsberichtssaison deutscher und internationaler börsennotierter Unternehmen seien Zweifel aufgekommen, ob die anhaltend hohen Kosten weiterhin an die Endverbraucher durchgereicht werden könnten, um die Margen weitgehend stabil zu halten. Wahrscheinlicher sei dass die Gewinne einiger Unternehmen bei anhaltenden Problemen in den kommenden Monaten unter Druck geraten könnten.

Der größte Belastungsfaktor bleibe die ungewisse Entwicklung der wirtschaftlichen Situation in China. Immer mehr Lockdowns großer Millionenmetropolen würden für ausfallenden Konsum, ausgesetzte Produktion und verschärfte globale Lieferkettenprobleme sorgen. Entsprechend seien zuletzt die Wachstumsraten für die Industrieproduktion, die Anlageinvestitionen und die Einzelhandelsumsätze in China drastisch eingebrochen, nachdem auch die letzten Veröffentlichungen von Einkaufsmanagerindices eine Kontraktion der chinesischen Wirtschaft angedeutet hätten. Ein negatives Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft im zweiten Quartal werde damit immer wahrscheinlicher.

Nachdem trotz weiter steigender Corona-Neufallzahlen in China ein Ende des seit Wochen andauernden harten Lockdowns in Shanghai in Aussicht gestellt worden sei, sei ein grundsätzlicher Strategiewechsel der chinesischen Regierung bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht mehr unwahrscheinlich. Bevor die Wirtschaft weiter erheblichen Schaden nehme, sei eine sukzessive Lockerung von Restriktionen wahrscheinlich, selbst wenn dadurch die Infektionsraten und die Sterblichkeit deutlich zunehmen dürften. Die globalen Lieferketten dürften in diesem Zuge eine Entlastung erfahren.

Gemäß einer jüngst veröffentlichten Studie der Bundesbank zu den Inflationserwartungen von Privatpersonen in Deutschland würden über 60 Prozent mit weiter deutlich zunehmenden Preissteigerungsraten in den kommenden zwölf Monaten rechnen. Auf Sicht von fünf Jahren werde demnach eine Inflationsrate in Höhe von etwa fünf Prozent erwartet. Offensichtlich würden sich somit die Inflationserwartungen auf erhöhten Niveaus verfestigen, was ein Gegensteuern durch die EZB in den kommenden Monaten erschwere.

Entsprechend würden auch die in Deutschland im weiteren Jahresverlauf anstehenden Tarifverhandlungen von deutlich steigenden Lohnforderungen begleitet werden. Zwar seien die bisherigen Abschlüsse, bspw. für das Versicherungs- und Bankgewerbe oder für die Druckindustrie mit jährlichen Steigerungsraten zwischen 1,5 und 3 Prozent moderat ausgefallen. Bei den derzeit laufenden Verhandlungen für die Eisen- und Stahlindustrie belaufe sich die Forderung der IG Metall jedoch auf 8,2 Prozent mehr Lohn. Im Herbst würden dann die Verhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie mit etwa 3,8 Millionen Beschäftigten folgen, für die angesichts derzeit sehr hoher Inflationsraten ebenfalls hohe Lohnforderungen gestellt werden dürften, denn die Zielsetzung der Gewerkschaften müsse eine Steigerung des Reallohns der Beschäftigten sein. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht seien Reallohnsteigerungen wünschenswert, weil sie den privaten Konsum unterstützen würden.

Auch wenn keine mit den USA vergleichbare Lohn-/Preisspirale wahrscheinlich sei, zeige sich doch, dass steigende Preise mittlerweile alle Bereiche der Wirtschaft erreicht hätten und daher trotz eines wahrscheinlichen Überschreitens der Inflationsspitze in den kommenden Wochen anhaltend mit erhöhten Inflationsraten zu rechnen sei.

Für Anleger müsse dieses Kapitalmarktumfeld mit Blick auf die kommenden Monate nicht schlecht sein. Trotz weiter steigender Nominalzinsen würden die Realrenditen voraussichtlich negativ bleiben und die Nachfrage nach realen Anlagen unterstützen. Sofern es zu keiner weiteren Eskalation im Zuge des Ukraine-Krieges komme, könnten sich einige der derzeit eingepreisten Risiken relativieren, bspw. im Falle einer Besserung der Lieferkettenprobleme oder weniger starker Zinssteigerungen in den USA, und dadurch die Perspektiven für die Weltwirtschaft wieder aufhellen. An den Börsen dürften diese möglichen Hoffnungsschimmer wie immer rechtzeitig Berücksichtigung finden und für steigende Kurse sorgen. Diese Möglichkeit sollten Anleger nicht aus dem Blick verlieren. (20.05.2022/ac/a/m)