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Fr, 9. Dezember 2022, 17:25 Uhr

Deutschland: Regimewechsel belasten die Wirtschaft


09.08.22 10:29
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.aktiencheck.de) - Immer wieder war in den letzten Jahren von verschiedenen Zeitenwenden die Rede, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.

Schon lange werde auf eine älter werdende Gesellschaft im Rahmen des demografischen Wandels hingewiesen. Dazu sei die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf bestehende Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle gekommen. Zuletzt sei intensiv die Dekarbonisierung, also die Entkopplung der Mobilität und der Produktion vom Verbrauch fossiler Energierohstoffe, diskutiert worden. Seit der Amtszeit Donald Trumps als US-Präsident habe sich das Ende der Globalisierung angedeutet, was durch die Eskalation des Ukrainekriegs noch offensichtlicher geworden sei. Russlands aggressives Agieren habe die Auflösung der sogenannten Friedensdividende zur Folge gehabt, von der Deutschland besonders stark profitiert habe.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hätten sich für deutsche Unternehmen nicht nur riesige neue Absatzmärkte geöffnet. Darüber hinaus hätten sie die lohnintensive Produktion in osteuropäische Länder auslagern, dort günstige Rohstoffe einkaufen und in den Westen transportieren können. Der Krieg in der Ukraine habe die steigenden Inflationsraten mit explodierenden Rohstoff- und Energiepreisen seit Februar mit befeuert, was einen weiteren Trend der letzten Dekade beendet habe: Die immer tiefer sinkenden Zinsen.

Von allen Regimewechseln sei die deutsche Volkswirtschaft erheblich betroffen, auch weil das Erfolgsmodell der exportorientierten Industrie mit einem Schwerpunkt auf hochwertige Fahrzeuge, Anlagen, Maschinen und Chemieprodukte seit Jahrzehnten nahezu reibungslos funktioniert habe. Dem Erfolg dieser Strategie stehe heute das Versäumnis im Weg, rechtzeitig die Weichen für die Zukunft zu stellen. Die Schwächen würden heute nicht nur aufgrund der Abhängigkeiten von einzelnen Rohstofflieferanten und den, bis zum globalen Lockdown, maximal effizienten globalen Lieferketten offensichtlich. Nun drohe der Wegfall weiterer wichtiger Absatzmärkte, wenn sich die geopolitische Lage zwischen China und Taiwan weiter zuspitze und auch die chinesischen Handelsbeziehungen sanktioniert werden müssten. Unübersehbar sei zudem, dass nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa den Anschluss an die Entwicklung der Internet-Technologie verloren habe.

Angesichts der vielfältigen Zeitenwenden und Krisenherden sei eine wirtschaftliche, politische und möglicherweise auch gesellschaftliche Erneuerung zwingend notwendig. Anstatt immer weiter kurzfristig auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren, brauchen wir ein klar umrissenes Zielbild und die Wegbeschreibung zu einer modernen und wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft, die auf demokratischen und marktwirtschaftlichen Grundsätzen basiert, so die Analysten der DONNER & REUSCHEL AG. Ein solches Modell hätte im internationalen Systemwettbewerb mit der zunehmenden Anzahl an Autokratien zudem eine klare Signalfunktion. (09.08.2022/ac/a/m)