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Do, 2. Februar 2023, 23:19 Uhr

Das Bild für 2022 ist geprägt von der Angst vor Stagflation


11.11.21 11:10
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.aktiencheck.de) - Das Bild für 2022 ist geprägt von der Angst vor Stagflation, Chinas Strategiewechsel, einer weniger expansiven Geldpolitik, negativen Realzinsen und der politischen Neuausrichtung in Deutschland, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel AG.

Der Einfluss der Corona-Pandemie nehme weiter ab, werde aber nicht ganz verschwinden. Die Industrienationen und China hätten überwiegend hohe Impfquoten, würden aber Gefahr weiterer Infektionswellen laufen. Sollten hier erneute Shutdowns notwendig sein, dürften diese nur regional und/oder sehr selektiv vorgenommen werden. Viele Schwellenländer und v.a. Low-Income-Economies hätten hingegen nur sehr geringe Impfquoten. Dort sei mit medizinischen und wirtschaftlichen Rückschlägen sowie der Gefahr weiterer Virusvarianten zu rechnen, die den bestehenden Impfschutz überspringen und auch in Staaten mit hohen Impfquoten zu weitergefassten neuen Shutdown-Maßnahmen führen könnten.

Beim BIP-Wachstum liege eine differenzierte Ausgangslage vor. Während China und Europa, v.a. Deutschland Ende 2021 schwächeln würden, würden die USA die globale Konjunkturlokomotive bilden. Die Basisannahme sei, dass sich Lieferkettenprobleme und Energieengpässe durch fehlende Vorleistungen und Rohstoffe sowie knappe Transportkapazitäten im ersten Halbjahr 2022 sukzessive auflösen würden. Danach rechne Mumm mit einer Fortsetzung des dynamischen globalen Nach-Corona-Aufschwungs. Die Wachstumserwartungen lägen global bei 4 bis 6%, für die USA bei 4 bis 6%, China 5 bis 7%, die Eurozone 3 bis 5% und Deutschland 4 bis 6%. In den Schwellenländern rechne Mumm mit differenzierten und von individuellen Faktoren abhängigen Wachstumsperspektiven (zwischen ca. 2 und 4% in Lateinamerika und 5 bis 7% in Ostasien).

Die Inflationsspitze sei Ende dieses Jahres oder im ersten Quartal nächsten Jahres überschritten. Die Einmal- und Basiseffekte würden auslaufen bzw. nachlassen, wobei anhaltend erhöhte Inflationsraten trotzdem wahrscheinlich seien. Ursachen hierfür seien die sich nur langsam abbauenden Lieferkettenstörungen, anhaltend erhöhte Energie- und Rohstoffpreise (bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung, den weltweit verstärkten Fokus auf regenerative Energien und dadurch bestimmte, notwendige Rohstoffe), der Umbau von Lieferketten, der Fokus der Politik auf höhere Löhne und Mangel an ausreichend qualifizierten Arbeitskräften sowie staatliche und private Investitionsoffensiven (u.a. in Klimaneutralität und Resilienz). Die Unternehmen könnten die steigenden Kosten jedoch nur noch teilweise an Endverbraucher weitergeben. Es sei allerdings keine überbordende inflationäre Entwicklung zu erwarten. Die Inflationserwartungen lägen für die USA bei 3 bis 4%, für die Eurozone bei 2 bis 3% und für Deutschland bei 2,5 bis 3,5%.

Die Geldpolitik bleibe weiter expansiv, aber mit nachlassender Dynamik. Die EZB und die FED würden der inflationären Entwicklung hinterherlaufen. Die FED werde das Tapering im ersten Halbjahr 2022 fortsetzen, die EZB voraussichtlich ab April damit beginnen würden. Mit einer Leitzinserhöhung in den USA und der Anhebung des Einlagenzinssatzes in Europa sei im dritten Quartal nächsten Jahres zu rechnen. Ein harter restriktiver Kurs zur Eindämmung der Inflation sei wegen der bestehenden Abhängigkeiten von niedrigen Zinsen (Staatsschulden, Kapitalmärkte) jedoch unwahrscheinlich.

Beim Welthandel sei die Erholung vom krisenbedingten Einbruch (aufgrund von Lieferengpässen) vorerst gestoppt. Doch seien die Vorkrisenwachstumsraten des Welthandelsvolumens nur kurzfristig wieder erreicht worden. Protektionismus, der steigende Anteil immaterieller Wertschöpfung, die Umfokussierung Chinas und der Umbau von Lieferketten dämpfen würden.

Mit Blick auf China, treibe die Biden-Administration die "Allianz gegen China" voran. China fokussiere sich auf eine 2-Circle-Strategie (d.h. ein stärkerer Binnenmarkt und Handel verstärkt im ostasiatischen Raum) und eigene Interessen (sozialer Friede, Management von Preisblasen, breiter sozialer Wohlstandszuwachs anstatt privatwirtschaftlicher Vermögensmaximierung). Bei zu schwachem Wachstumsmomentum sei eine erneute fiskalische Stützung wahrscheinlich. Die Abhängigkeit des Westens gegenüber China (Vorprodukte, Rohstoffe, US-Staatsanleihe-Holdings…) werde eher abnehmen, aber weiterhin wesentlich bleiben und eine totale Eskalation des US-China-Konflikts vermeiden würden.

Die Politik werde weltweit nach der Coronakrise mit verstärkten staatlichen Investitionen (digitale und Gesundheits-Infrastruktur, Digitalisierung, Innovation) und daraus resultierend weiter steigenden Staatsschulden agieren. Zudem sei weltweit ein Wechsel zu eher links- bzw. nachfrageorientierter Politik erkennbar (mehr Staat und Regulierung, höhere Steuern, mehr Umverteilung, weniger Markt). In den letzten Jahren aufgebaute Ungleichgewichte (Einkommen, Vermögen) sollten nicht weiter steigen. Deutschlands neue Regierung dürfte hier mitziehen, aber gleichzeitig einen zu starken Umverteilungskurs und ein Abwürgen privatwirtschaftlicher Produktionsanreize vermeiden. In Frankreich würden im Frühjahr Parlaments- und Präsidentschaftswahlen stattfinden (derzeit habe Macron gute Chancen auf eine Wiederwahl mangels ausreichend starker Konkurrenz), in Italien im Frühjahr 2023. Denkbar sei daher die Möglichkeit einer gemeinsamen pro-europäischen Reformoffensive im kommenden Jahr, mit der Tendenz zu höheren gemeinschaftlichen Ausgaben. Die Auszahlungen des EU-Wiederaufbaufonds würden dabei unterstützen und seien gegebenenfalls ein Druckmittel (bspw. ggü. Polen). Aufgrund der US-Midterm-Elections Ende 2022 dürfte die Biden-Regierung Schwierigkeiten haben, weitere große Fiskalprogramme durchzubekommen. In den Fokus rücke daher wohl eher die Außenpolitik (insbesondere China).

Bei den Megatrends bleibe die Digitalisierung (inkl. KI und Blockchain) maßgebliches Thema und sorgt für Sonderkonjunkturen in einzelnen Branchen bzw. Unternehmen. Der Klimawandel gewinne international weiteren Stellenwert; hinzu kämen verstärkte staatliche - und private - Investitionen u.a. in Infrastruktur.

Kapitalmarkterwartungen:

Zinsen:

Bundesanleihen: geldpolitisch bedingt und politisch unterstützt/forciert strukturell niedrige Zinsen; Geldmarktzinsen leicht steigend im zweiten Halbjahr 2022; am langen Ende etwas stärker steigende Zinsen durch anhaltend höhere Inflation; Auslauf der WP-Käufe eröffne weiteres Zinssteigerungspotenzial - trotzdem weiterhin tief negative Realzinsen wahrscheinlich.

US-Treasuries: geldpolitisch bedingt strukturell niedrige Zinsen; Geldmarktzinsen sukzessive anziehend; am langen Ende etwas stärker steigende Zinsen (auch vs. Eurozone) durch anhaltenden Inflationsdruck und hohe Staatsschulden; Auslauf der WP-Käufe eröffnet weiteres Zinssteigerungspotenzial - weiter negative Realzinsen. Risikoprämien: strukturell niedrig durch konjunkturelle Erholung und Anlagenotstand; tendenziell - leicht - steigende Risikoprämien durch nachlassenden geldpolitischen Stimulus.

Währungen:

EUR/USD: kaum verändert; USD nicht mehr als sicherer Hafen gefragt; Nominalzinsdifferenz zugunsten des USD könnte sich ausbauen, dürfte sich aber real kaum verändern; stark steigende US-Staatsschulden; wirtschaftlicher Aufholeffekt Europas nach Q4-Schwäche; politisch mehr Bewegung in Europa als in den USA (Blockade vor Midterms), Terms of Trade, Kaufkraftparität und spekulative USD-Long-Positionen würden eher für den Euro sprechen - insgesamt ausgeglichen.

Rohstoffe:

Rohöl: steigend, trotz sukzessivem, aber weiter langsamem Ausbau des schon in 2020 nur zögerlich ausgeweiteten Angebots; konjunkturelles Aufschwungsszenario stütze Nachfrage. Gold: steigend, weil strukturell unterstützt (reale Negativzinsen, steigende Staatsschulden, …); Renaissance als Inflations-Hedge wahrscheinlich; zudem steigende Schmucknachfrage im konjunkturellen Aufschwung.

Aktien:

Allgemein: steigend, wirtschaftliche Erholung läuft weiter; sehr dynamischer Anstieg der Unternehmensgewinne dürfte allerdings nachlassen; Annahme, dass steigende Produktionskosten nicht mehr vollumfänglich an Endverbraucher durchgereicht werden könnten; ggf. Steuererhöhungen; zwischenzeitlich größere Rückschläge erwartbar; Erholung der durch die Lieferengpässe besonders betroffenen Branchen (u.a. Automobil) im Jahresverlauf; Profiteure von Investitionsoffensive dürften Anbieter von Infrastruktur, Anlagen- und Maschinenbau, digitalen Dienstleistungen und IT sein; negative Realzinsen stützen (TINA); aber Tapering belastet - Aktienselektion werde wichtiger.

Eurozone: Aufholpotenzial nach schwachem Q4; mit weiterem Überwinden der Coronakrise gute Aussichten für Dienstleister, Tourismus, Freizeit etc. - auch Autobauer; Export-Industrie anfänglich durch China-Schwäche belastet, dürfte ab Q2 von Wachstumserholung profitieren.

USA: hohe wirtschaftliche Dynamik stütze, wenngleich weniger Unterstützung durch neue Fiskalpakete zu erwarten sei (aber auch Belastungen der Wirtschaft durch Regulierungen oder Steuererhöhungen nur schwer umsetzbar seien); Vorteil durch hohen Big-Tech-Anteil. China: Eng verbunden mit Konjunktur; Erholung im Jahresverlauf wahrscheinlich. Schwellenländer: verspätete Erholung nach länger anhaltenden Corona-Beschränkungen im Jahresverlauf wahrscheinlich; wiederauflebendes China-Wachstum stütze.

Krypto-Assets:

Bitcoin: das älteste, bekannteste und nach Marktkapitalisierung größte Krypto-Asset dürfte allein schon durch die zunehmenden Investitionsmöglichkeiten (bspw. Zulassung des ersten Bitcoin-Future-ETF in den USA) und die sukzessive Berücksichtigung im Portfoliokontext weiter gefragt bleiben. Hinzu kämen die Standardargumente der Befürworter (Inflationierung von Euro, USD & Co.; negative Realzinsen; explodierende Staatsschulden), die weitere Nachfrage generieren dürfte.

Ethereum: stehe stellvertretend für die Möglichkeiten der Blockchain als Basis für neue, teils disruptive Geschäftsansätze; Plattform für Blockchain-Anwendungen (Decentralized Finance, Non-Fungible-Token, dezentralisierte Buchungsportale etc.); derzeit Nummer zwei nach Marktkapitalisierung und möglicherweise eine Standardplattform der Zukunft.

Nebenszenarien

Chancen: Corona-Fortschritte (Impfquoten); Nachkrisen-Investitionen/wirtschaftliche Aufholung; Produktivitätsschub bspw. im Zuge der Digitalisierung; deutlich nachlassender Inflationsdruck; Wiederbelebung transatlantischer Beziehungen (mit Sonderfokus China).

Risiken: Corona-Rückschläge (resistentere Varianten); plötzlicher, noch stärkerer Inflationsschub; zu langanhaltende Lieferkettenstörungen; Eskalation geopolitischer Krisenherde; Fehler der Politik (angesichts hoher Abhängigkeit von fiskalischen und monetären Unterstützungen sowie politisch forcierter Neuausrichtungen); genereller Vertrauensverlust der Notenbanken (Akzeptanz- und Vertrauenskrise). (11.11.2021/ac/a/m)





 
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