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Di, 6. Dezember 2022, 4:42 Uhr

Aussichten für globale Konjunkturentwicklung trüben sich weiter ein


05.08.22 10:55
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.aktiencheck.de) - Die Aussichten für die globale Konjunkturentwicklung trüben sich weiter ein, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.

Die von Markit/S&P-Global erhobenen Einkaufsmanagerindices seien für das Verarbeitende Gewerbe und die Dienstleistungsbereiche weltweit teilweise unter die Expansionsschwelle von 50 Punkten gerutscht. In Deutschland würden der ifo-Geschäftsklimaindex auch für Handel und Bauwirtschaft ebenso wie die ISM-Einkaufsmanagerindices in den USA belegen, dass in den kommenden Monaten mit einer schwächeren Wirtschaftsdynamik in alle Regionen und in den meisten Sektoren gerechnet werde.

Die Sorge um einen kompletten Gaslieferstopp aus Russland und mögliche Energierationierungen belaste europäische Unternehmen zusätzlich zu den bekannten Problemen wie den hohen Energie- und Rohstoffpreisen, den steigenden Lebenshaltungskosten und den unterbrochenen Lieferketten. In den USA würden die höheren Zinsen das Wachstum dämpfen, Aktienkurse und Hauspreise würden nachgeben und es gebe erste Anzeichen, dass die nachlassende Nachfrage den Arbeitsmarkt und den privaten Konsum ausbremse. Die chinesische Regierung kämpfe weiter mit allen strategischen Mitteln gegen die Corona-Pandemie, nachdem die umfangreichen Lockdowns bereits im zweiten Quartal ein negatives Wirtschaftswachstum zur Folge gehabt hätten.

Vor diesem Szenario habe der Internationale Währungsfonds (IWF) die Wachstumserwartungen für die Weltwirtschaft und die wirtschaftlich größten Regionen erneut nach unten korrigiert, während die Inflationsprognosen nach oben angepasst worden seien. Angesichts der steigenden Zinsen und dem festeren US-Dollar würden die IWF-Experten zudem auch auf das Risiko einer möglichen Schuldenkrise in Schwellenländern verweisen, was die Konjunktur zusätzlich belasten könnte.

In Deutschland und Europa hänge die wirtschaftliche Entwicklung entscheidend an den Gaslieferungen aus Russland. Sollte es zu einem kompletten Lieferstopp kommen, dürfte eine tiefe Rezession unvermeidbar sein. In diesem Fall stehe zu befürchten, dass die Bundesregierung die höchste Stufe des Notfallplans Gas ausrufe, und nach der gerade beschlossenen Gasumlage auch die Weiterreichung höherer Preise der Energieversorger an Endkunden gestatte. Zudem sei die Rationierung von Energie in einem solchen Szenario wahrscheinlich. Davon wären vor allem energieintensive Branchen wie die Aluminium-, Stahl-, Papier- oder Chemieproduktion betroffen. Produktionsausfälle hätten direkte negative Auswirkungen auf weitere Unternehmen, wenn wichtige Vorprodukte fehlen würden. Viele Unternehmen würden versuchen, sich bereits vorzubereiten, etwa indem sie alternative Energiequellen prüfen oder in der Produktionsplanung neu priorisieren würden. Aber die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen seien kaum zu beziffern. Auch bei sehr eingeschränkten Gaslieferungen wie momentan sei im Winterhalbjahr mit Rationierungen zu rechnen. Sicher sei nur, dass die anhaltende Unsicherheit die Investitions- und Konsumbereitschaft weiterhin dämpfe.

Mit der Regierungskrise in Italien sei in Europa noch ein Unsicherheitsfaktor hinzugekommen. Bei den Neuwahlen Ende September drohe ein Rechtsruck samt lauterer europakritischer Stimmen in der kommenden Regierung. Dringend notwendige politische Entscheidungen, wie die Verabschiedung des Haushalts 2023 oder die Renten-, Steuer- und Wettbewerbsreform, würden weiter verschoben. Damit seien die Risikoprämien italienischer Staatsanleihen im Vergleich zu Bundesanleihen erneut gestiegen. Die Europäische Zentralbank (EZB) habe darauf mit dem verstärkten Ankauf italienischer Staatsanleihen im Rahmen der Wiederanlage fälliger Wertpapiere reagiert. Die Fortsetzung des gerade von der EZB initiierten geldpolitischen Straffungszyklus werde dadurch erschwert, wenngleich nicht gefährdet. Die Bekämpfung der in den kommenden Monaten voraussichtlich nur leicht nachgebenden Inflationsraten bleibe im Fokus.

In den USA dagegen dürfte der Inflationsdruck nachlassen. Dafür spreche ein deutlicher Rückgang der Preiskomponente des ISM-Einkaufsmanagerindex in den letzten Wochen, der sich als guter Vorlaufindikator für die Produzenten- und Verbraucherpreise erwiesen habe. Zudem zeichne sich eine Entspannung des Nachfrageüberhangs am Arbeitsmarkt ab, nachdem einige Unternehmen weniger Einstellungen planen würden bzw. sogar Entlassungen angekündigt hätten. Entsprechend habe sich der Trend zunehmender Erst- und Folgeanträge auf Arbeitslosenunterstützung fortgesetzt, der den Lohndruck entlasten dürfte. Damit könnte die US-Notenbank FED nach weiteren Zinsanhebungen im Herbst bereits Anfang 2023 die Möglichkeit haben, die Leitzinsen im Falle einer deutlichen wirtschaftlichen Abkühlung wieder zu senken.

An den Kapitalmärkten scheine die Zeit deutlich steigender Zinsen vorerst vorbei zu sein. Aktien und andere Risikoanlagen hätten damit weiteres Kurserholungspotenzial, zumal die Stimmungslage unter den Anlegern relativ negativ sei. Allerdings sei in den kommenden Quartalen auch mit Korrekturen der teilweise noch zu hohen Gewinnerwartungen zu rechnen, was das Potenzial für weitere Kursgewinne begrenze. Abgesehen von kurzfristigem Rückschlagpotenzial, wie im Fall eines Gaslieferstopps, würden die mittelfristigen Perspektiven für Aktienanleger dank absehbarer Staats- und Unternehmensinvestitionen in die eigene Krisenfestigkeit und Dekarbonisierung der Produktion aber positiv bleiben. Sollte sich eine weitere Eskalation im Ukrainekonflikt vermeiden lassen, hätte der Euro im Vergleich zum US-Dollar einiges Aufholpotenzial. (05.08.2022/ac/a/m)




 
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