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Do, 2. Februar 2023, 23:28 Uhr

Bolivien läuft Amok


31.05.05 11:08
GOLDINVEST.de daily

Petrobras, Repsol Ypf und Total kommen im Andenstaat Bolivien in die Fänge der Politik, so die Experten von "GOLDINVEST.de daily".

Die Entscheidung der Regierung weitreichende neue Steuern zu verlangen, dürfte die Gewinne schmälern.

Das sei ein Schlag ins Gesicht für die internationalen Öl- und Gaskonzerne gewesen. Bolivien führe eine neue Abgabe auf die Förderung der Energieträger ein. Zusätzlich zu den bereits zu zahlenden 18 Prozent Royalties vom Umsatz würden nun nochmals 32 Prozent vom Umsatz fällig. Dies bedeute insgesamt eine Besteuerung der ausländischen Ölkonzerne von 50 Prozent des Umsatzes.

Für den brasilianischen Ölgiganten Petrobras könnte dies verringerte Gewinne bedeuten. Zudem werde Abschreibungsbedarf bestehen, da die Öl- und Gasvorkommen in das Eigentum Boliviens übergehen würden. Bisher hätten die internationalen Konzerne ihre gefundenen Vorkommen offiziell als ihre Reserven ausweisen können. Obwohl Petrobras eine enorm starke Stellung in Bolivien innehalte, - der Konzern erwirtschafte rund ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts - könne das Management wohl kaum etwas gegen die neue Abgabe tun. Im Gegenteil, die neue Steuer könnte sogar noch das kleinere Übel darstellen. Denn starke Proteste der Bevölkerung gegen die ausländischen Ölfirmen hätten der Opposition bereits den Mut gegeben, eine Verstaatlichung der Öl- und Gasbranche zu propagieren.

Den Aktienkurs von Petrobras lasse dies indes kalt. Kein Wunder, denn für den Gesamtkonzern spiele Bolivien kaum eine Rolle. Vom Gesamtumsatz von rund 37 Milliarden US-Dollar würden lediglich 133 Millionen Dollar auf Förder-Geschäfte (rund 5,5 Millionen Kubikmeter Gas am Tag) in Bolivien entfallen. Davon 50 Prozent wären zirka 66 Millionen Dollar an bolivianischen Abgaben. Dies seien gut 40 Millionen mehr als 2004 zu zahlen gewesen sei. Auch der Abschreibungsbedarf sei sehr überschaubar. Die Erdölreserven, die Petrobras in Bolivien besitze, würden sich auf nur 36,6 Millionen Barrel belaufen. Dazu kämen Gasvorkommen von knapp 1,8 Milliarden Kubikfuß. Dies sehe bereits im Vergleich zu den weiteren ausländischen Reserven Petrobras' von 1,2 Milliarden Barrel gering aus. Im Vergleich zu den gesamten Öl- und Gas-Reserven im Petrobras-Konzern von fast zwölf Milliarden Barrel (Öläquivalent) verschwinde Bolivien praktisch in den Falten der Geschäftsbücher.

An der positiven Einschätzung der Experten der Petrobras-Aktie ändere sich daher nichts. Die Brasilianer würden zum Günstigsten gehören, das es derzeit in der Ölbranche zu kaufen gebe.

Weitere Öl- und Gaskonzerne, die von der raueren Gangart in Bolivien geschädigt sein dürften, seien der französische Ölmulti Total, der britische Öl- und Gasförderer BG Group (die Briten würden nach Petrobras die zweitgrößten Gasreserven im Land halten), die spanisch-argentinische Gruppe Repsol Ypf, die amerikanischen Großkonzerne ExxonMobil und ChevronTexaco sowie Royal Dutch/Shell.

Stärker als die einzelnen Konzerne dürfte es dagegen das Land selbst treffen. Denn die Einnahmen aus der Umsatzbesteuerung könnten bald einen sehr faden Beigeschmack für die Politiker bekommen. Immerhin hätten die Ölmultis bereits erklärt, geplante Projekte in einem Gesamtumfang von rund zehn Milliarden US-Dollar zumindest vorerst auf Eis zu legen. Das Wirtschaftswachstum Boliviens könnte dadurch geschwächt werden, sich dann sogar eine größere Krise im Andenstaat anbahnen. Allzu Vorsichtige würden darin bereits den Auslöser einer breiten Südamerika-Krise erkennen. Jeder, ob Aktien- oder Anleihebesitzer, sollte daher die nächsten Wochen und Monate genau verfolgen, was sich rund um die Anden ergebe.